Führung wird traditionell Eigenschaften wie Intelligenz, Charisma und Entschlossenheit zugeschrieben. Eine wachsende Zahl von Studien legt jedoch nahe, dass körperliche Attraktivität überraschend wichtig dafür sein kann, wer als Führungskraft hervortritt und wer in einer solchen Position erfolgreich ist.

Attraktive Menschen werden eher als Führungskraft ausgewählt

In einer Studie in Psychological Science ließen Rule und Ambady (2008) unvoreingenommene Beobachter Fotos von CEOs aus 25 höher und 25 niedriger eingestuften Fortune-Unternehmen bewerten. Bewertungen machtbezogener Merkmale und der Führungswirkung hingen nach Berücksichtigung von Alter, Ausdruck und Attraktivität mit den Unternehmensgewinnen zusammen. Die Studie verglich keine CEOs mit Nicht-CEOs und kann nicht zeigen, dass die Erscheinung die Unternehmensleistung verursachte.

Berggren, Jordahl und Poutvaara (2010) übertrugen den Befund auf die Politik. Bei der Analyse finnischer Parlamentswahlen erhielten Kandidaten, die auf ihren Wahlkampffotos attraktiver bewertet wurden, signifikant mehr Stimmen – auch nach Kontrolle von Partei, Amtsinhaberschaft und Wahlkampfausgaben.

Das Gesicht einer Führungskraft

Welche Gesichtsmerkmale signalisieren „Führung“? Forschung von Olivola und Todorov (2010) identifizierte mehrere Merkmale, die mit wahrgenommener Führungsfähigkeit verbunden waren:

  • Gesichtsreife: Etwas älter wirkende Gesichter vermitteln Erfahrung und Kompetenz.
  • Strukturelle Dominanz: Ein größeres Verhältnis von Gesichtsbreite zu -höhe wird mit Durchsetzungsfähigkeit verbunden.
  • Symmetrie: Beidseitige Symmetrie kann biologische Fitness und Entwicklungsstabilität signalisieren.
  • Ausdruck: Ein neutraler bis positiver Ruheausdruck vermittelt emotionale Stabilität.

Geschlecht und Führungswirkung

Forschung zeigt, dass die Verbindung zwischen Schönheit und Führung bei Männern und Frauen unterschiedlich funktioniert. Eagly und Karau (2002) beschrieben in Psychological Review die Rollenübereinstimmungstheorie: Frauen erleben ein Dilemma, weil mit Führung verbundene Eigenschaften wie Dominanz und Durchsetzungsfähigkeit mit weiblichen Stereotypen kollidieren können.

Neuere Arbeiten deuten darauf hin, dass sich diese Lücke verkleinert. Anderson et al. (2021) fanden, dass Attraktivität in modernen Organisationen die Führungswahrnehmung bei beiden Geschlechtern verbessert, allerdings über verschiedene zugeschriebene Merkmale: Kompetenz bei Männern, soziale Fähigkeiten bei Frauen.

Leisten attraktive Führungskräfte tatsächlich mehr?

Diese entscheidende Frage lässt sich nur differenziert beantworten:

  • Auswahlvorteil: Attraktive Personen werden eher ausgewählt. Dadurch entsteht eine größere Gruppe, aus der sich gute Führungskräfte entwickeln können.
  • Engagement der Mitarbeitenden: Teams können unter Führungskräften, die sie attraktiv finden, motivierter und engagierter sein (Fruhen, Watkins und Jones, 2015).
  • Verstärktes Selbstvertrauen: Jahre positiver sozialer Rückmeldung können echte Führungsfähigkeiten fördern.
  • Leistungsdaten: Bei Rule und Ambady (2008) sagten Gesichtsbewertungen von CEOs tatsächliche Gewinne voraus, was auf einen realen Zusammenhang hindeutet, aber keine Ursache belegt.

Folgen für angehende Führungskräfte

Wer die Verbindung zwischen Erscheinung und Führungswirkung kennt, kann:

  1. seine Führungspräsenz verbessern – durch gezielte Pflege und professionelles Styling,
  2. eigene Stärken nutzen: Eine sachliche Selbsteinschätzung, etwa mithilfe von KI-Apps zur Gesichtsanalyse, kann zeigen, wie Gesichtszüge auf andere wirken,
  3. authentisches Charisma aufbauen: Selbstvertrauen und Wärme sind zwei zentrale Dimensionen der Führungswahrnehmung und werden teilweise durch die Erscheinung beeinflusst,
  4. Vorurteile hinterfragen: Das Bewusstsein für Aussehensverzerrungen hilft, das Führungspotenzial anderer fairer zu beurteilen.

Wichtige Forschungsquellen

  • Rule, N.O. & Ambady, N. (2008). "The Face of Success." Psychological Science, 19(2), 109–111.
  • Berggren, N., Jordahl, H., & Poutvaara, P. (2010). "The Looks of a Winner." Journal of Public Economics, 94(1–2), 8–15.
  • Olivola, C.Y. & Todorov, A. (2010). "Elected in 100 milliseconds." Journal of Nonverbal Behavior, 34(2), 83–110.
  • Eagly, A.H. & Karau, S.J. (2002). "Role congruity theory of prejudice toward female leaders." Psychological Review, 109(3), 573–598.
  • Fruhen, L.S., Watkins, C.D., & Jones, B.C. (2015). "Perceptions of facial dominance, trustworthiness and attractiveness predict managerial pay awards." The Leadership Quarterly, 26(6), 1005–1016.