Ist Schönheit rein subjektiv oder prägen wiederkehrende visuelle Signale unsere Bewertungen? Forschung findet Zusammenhänge mit Proportionen, Durchschnittlichkeit, Symmetrie, Hautbild und weiteren Merkmalen. Zugleich spielen Kultur, bewertende Person, Bild und Studiendesign eine Rolle. Keine einzelne geometrische Formel definiert ein objektiv schönes Gesicht.

Der Goldene Schnitt (Phi) in der Schönheit von Gesichtern

Der Goldene Schnitt – ungefähr 1,618 und mit Phi (φ) bezeichnet – wird häufig als Ideal für Gesichter beworben. Die wissenschaftliche Evidenz ist begrenzter. Schmid, Marx und Samal (2008) entwickelten einen geometriebasierten Attraktivitätsindex, der neoklassische Kanons, Symmetriemaße und Terme des Goldenen Schnitts einbezog. Ihr Modell zeigte, dass Gesichtsgeometrie in ihren Daten mit Bewertungen zusammenhängen konnte. Es belegte weder, dass jedes attraktive Gesicht Phi folgt, noch bestätigte es eine universelle Idealschablone.

Pallett, Link und Lee (2010) arbeiteten mit kontrollierten Bildmanipulationen und fanden die höchsten Bewertungen in der Nähe zweier Proportionen eines Durchschnittsgesichts:

  • Der vertikale Abstand von den Augen zum Mund betrug etwa 36 % der Gesichtslänge.
  • Der Abstand zwischen den Augen betrug etwa 46 % der Gesichtsbreite.

Die Autoren nannten diese Werte neue „goldene“ Verhältnisse, weil sie im Experiment Optima ergaben – nicht weil sie Phi entsprechen. Die Werte entsprachen den durchschnittlichen Proportionen der untersuchten Gesichter und dürfen nicht in unbelegte Phi-Regeln für Nase, Lippen, Kiefer oder das gesamte Gesicht umgedeutet werden.

Die Durchschnittlichkeitshypothese

Einer der robustesten Befunde der Attraktivitätsforschung lautet: Durchschnittliche Gesichter sind attraktive Gesichter. Gemeint ist nicht gewöhnlich oder unscheinbar, sondern ein Gesicht mit Proportionen nahe dem mathematischen Mittel einer Population.

Langlois und Roggman (1990) leisteten Pionierarbeit, indem sie am Computer gemittelte Gesichter erzeugten. Sie fanden, dass Komposita aus 16 oder 32 Gesichtern deutlich attraktiver bewertet wurden als jedes einzelne Gesicht. Der Befund wurde in vielen Kulturen repliziert und stützt die Annahme, Durchschnittlichkeit signalisiere genetische Vielfalt und Gesundheit.

Symmetrie: der universelle Anziehungspunkt

Wie in unserem Artikel über Gesichtssymmetrie und Erfolg erläutert, gehört bilaterale Symmetrie zu den stärksten kulturübergreifenden Prädiktoren von Attraktivität. Perrett et al. (1999) zeigten, dass symmetrisierte Gesichtsversionen regelmäßig gegenüber den ursprünglichen asymmetrischen Versionen bevorzugt wurden.

Geschlechtsdimorphismus

Gesichter mit geschlechtstypischen Merkmalen – maskulinen Zügen bei Männern und femininen Zügen bei Frauen – werden im Allgemeinen attraktiver bewertet, allerdings mit wichtigen Einschränkungen.

Little et al. (2011) hielten in ihrer umfassenden Übersicht in Philosophical Transactions of the Royal Society B fest:

  • Feminine Gesichtssignale bei Frauen wurden in den untersuchten Stichproben häufig bevorzugt, mit Unterschieden je nach Kontext.
  • Bei Männern variiert die Präferenz für Maskulinität je nach Kontext; eine mäßige Ausprägung wird häufig einer extremen vorgezogen.
  • Hormonelle Signale wie Kieferbreite und Augenbrauenbogen signalisieren genetische Fitness.

Hautbild

Oft übersehen, ist das Erscheinungsbild der Haut ein wichtiger Bestimmungsfaktor von Attraktivität. Forschung von Jones et al. (2004) zeigte, dass die Homogenität der Hautfarbe – also ein gleichmäßiger Ton – wahrgenommene Gesundheit und Attraktivität in manchen Zusammenhängen stärker vorhersagte als Gesichtssymmetrie.

Fink et al. (2006) bestätigten, dass Hautstruktur und Farbverteilung Attraktivitätsbewertungen unabhängig von der Gesichtsstruktur beeinflussen. Das unterstreicht die Bedeutung der Hautpflege für den Gesamteindruck.

Kulturübergreifende Übereinstimmung

Eine entscheidende Frage ist, wie weit sich diese Muster verallgemeinern lassen. Langlois et al. (2000) berichteten eine erhebliche Übereinstimmung zwischen Stichproben, aber auch bedeutsame kulturelle und methodische Unterschiede. Symmetrie, Durchschnittlichkeit, Hautbild und Geschlechtsdimorphismus können zu Bewertungen beitragen, begründen jedoch keinen einzigen universellen Schönheitsstandard.

Was eine KI-Gesichtsanalyse misst

Moderne KI-Technik zur Gesichtsbewertung kann Landmarken im Gesicht und modellspezifische Referenzmuster nutzen, um strukturierte Einschätzungen zu erstellen. Die Ergebnisse können beim Fotovergleich helfen, sind jedoch Schätzungen und keine objektiven Messwerte. Je nach System können sie Folgendes bewerten:

  • Gesichtsproportionen im Verhältnis zu vordefinierten oder datenbasierten Referenzmustern
  • Symmetriewerte in mehreren Gesichtsregionen
  • Harmonie und Ausgewogenheit der Merkmale
  • Merkmale des Hautbilds

Wichtige Forschungsquellen

  • Schmid, K., Marx, D., & Samal, A. (2008). "Computation of a Face Attractiveness Index Based on Neoclassical Canons, Symmetry, and Golden Ratios." Pattern Recognition, 41(8), 2710–2717. https://doi.org/10.1016/j.patcog.2007.11.022
  • Pallett, P.M., Link, S., & Lee, K. (2010). "New 'Golden' Ratios for Facial Beauty." Vision Research, 50(2), 149–154. https://doi.org/10.1016/j.visres.2009.11.003
  • Langlois, J.H. & Roggman, L.A. (1990). "Attractive Faces Are Only Average." Psychological Science, 1(2), 115–121. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.1990.tb00079.x
  • Little, A.C., Jones, B.C., & DeBruine, L.M. (2011). "Facial attractiveness: evolutionary based research." Phil. Trans. R. Soc. B, 366, 1638–1659.
  • Jones, B.C. et al. (2004). "Facial skin coloration affects perceived health." International Journal of Primatology, 25(6), 1213–1228.
  • Fink, B., Grammer, K., & Matts, P.J. (2006). "Visible skin color distribution plays a role in the perception of age, attractiveness, and health." Evolution and Human Behavior, 27(6), 433–442.
  • Langlois, J.H. et al. (2000). "Maxims or Myths of Beauty?" Psychological Bulletin, 126(3), 390–423.